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Konzertreise nach Kuba |
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das
JGO beim
Internationalen Gitarrenfestival
in Havanna
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Improvisación - Tage voller Überraschungen
Die Idee für diese Unternehmung hatte ihren Ursprung bereits vor 4 Jahren, als der wohl berühmteste kubanische Musiker, Leo Brouwer als Gastdirigent eine Woche lang mit dem JGO arbeitete. Er regte damals an, daß das JGO und die "Sonantas Habaneras" aus Havanna zum Erfahrungsaustausch Kontakt miteinander aufnehmen sollten. Als im Jahr 2000 eine Einladung zur EXPO nach Hannover kam, war das für das JGO der geeignete Augenblick, die Kubaner nach Deutschland einzuladen. Die Reise nach Havanna war die darauf folgende Gegeneinladung durch Leo Brouwer und Jesús Ortega, den Leiter des kubanischen Ensembles. Es war das erste Mal, daß das JGO bei einem internationalen Gitarrenfestival mit entsprechend internationaler gitarristischer Prominenz im Ausland teilnahm. Leo Brouwer, Costas Cotsiolis, Timo Korhonen, Pavel Steidel, Joaquin Clerch, das EOS - Quartett und viele andere waren da, gaben Konzerte und Meisterkurse.
3 Dirigenten waren diesmal dabei. Arnold Sesterheim, der seit Jahren unter schwierigen Bedingungen die Finanzierung der außergewöhnlichen Projekte des JGO bewerkstelligte (dem Deutschen Musikrat und dem BDZ - BW gebührt für ihre Unterstützung auch diesmal wieder außerordentlicher Dank!) hatte abgesehen von seiner aktiven Rolle als Dirigent auch die ehrenhafte Aufgabe, einer der Juroren im hochkarätigen Solisten - Wettbewerb des Festivals zu sein.
Tour - Diary:
10.05.
Der Hinflug mit einem Zwischenaufenthalt von 2 Stunden in Madrid dauerte insgesamt ca. 14 Stunden. Bei der Ankunft erwartete uns die erste Überraschung. Auf unseren Einreise-Visa fehlte ein Stempel, daher mußten alle nochmals Formulare ausfüllen und eine Gebühr zahlen. Erst dann konnte die Gruppe den Zoll passieren und die bereits wartenden Kubanischen Freunde begrüßen, die mit einem Bus gekommen waren um uns abzuholen und zur Unterkunft zu bringen. Kaum außerhalb des Gebäudes spürten wir angenehm das heiße, tropische Klima, es herrschte auch nachts um 11 Uhr noch eine Temperatur von 28°C. Die Ensemblespieler waren (als kubanische Staastgäste) in einer jugendherbergsähnlichen Einrichtung untergebracht, dem Leitungsteam hatte man Hotelzimmer reserviert.
11.05.
Erster Probentag in der
Ensembleunterkunft und zwar im Freien. Es war eine sehr enge von
Bananenstauden eingerahmte Laube, überdacht gegen die direkte
Sonneneinstrahlung, dadurch aber hatte man einen schweißtreibenden
Brutkasteneffekt. Zum Glück herrschte immer etwas Wind, der von
der wenige 100 Meter entfernten Atlantikküste herüberwehte.
Programm:
| Leo |
Brouwer |
(*1939) |
Acerca del cielo, el aire y la
sonrisa |
| Joaquin | Rodrigo | (1901-1999) | Fantasia para un Gentilhombre (Solist: David Dominguez) |
| Marian |
Budos |
(*1968) |
Three Days with the Eastern
Emperor (UA) |
| Jesús |
Ortega |
Ahora Si ! (UA) |
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| Edvard |
Grieg |
(1843-1907) | Es
war einmal op. 71 Nr.1 - Kobolde op. 71 Nr. 3 - Elfentanz op. 12 Nr. 4 + |
| Wulfin |
Lieske |
(*1956) | Three Misunderstandings on F.
S. |
| Terry |
Riley |
(*1935) |
Y Bolanzero |
| Ernesto | Lecuona | (1867-1916 ) | Danza Negra |
| Chick | Corea | (*1941) | Spain |
12.05.
Am diesem ersten freien Tag fuhr die gesamte Gruppe in öffentlichen,
unglaublich überfüllten Bussen in die Altstadt, einige trieb es
von dort aus mit einem der Sammeltaxis weiter zum 16 km
entfernten Strand wo sie sich prompt einen schweren Sonnenbrand
holten. Um die Mittagszeit steht die Sonne senkrecht und wirft
praktisch keine Schatten. Die anderen schlenderten durch die
faszinierende Altstadt, die eine exotisch traumhafte Atmosphäre
gepaart mit einem gewissen morbiden Flair des Verfalls ausstrahlt.
Viele der architektonisch wunderschönen Häuser im Kolonialstil
und art deco - Jugendstil sind baufällig, nur bei wenigen hat
man mit dem Sanieren begonnen. Dazwischen
fahren alte amerikanische Straßenkreuzerdurch die engen Gassen,
Cadillacs, Pontiacs aus den 50er Jahren, dazu jede Menge Taxis,
Fahrradrikschas, Pferdegespanne und überall sind freundliche
aber auch nach Dollars bettelnde Menschen auf den Straßen. Viele
wollten kitschige Bilder von Che Guevara oder Fidel Castro oder
auch Zigarren verkaufen. Keine der zahlreichen Kneipen war ohne
Live - Band. Teilweise hörte man drei Gruppen gleichzeitig (und
zusätzlich womöglich noch ein Radio aus einem der Fenster der
oberen Stockwerke) mit kubanischer Musik - sehr gut gespielt,
aber auf teils jämmerlichen Instrumenten. Meist bestanden diese
Bands aus Perkussion, Kontrabaß, zwei Gitarren, Gesang und einem
Melodieinstrument, manchmal war auch ein einfaches Keyboard mit
dabei. Bei einem Cuba Libre, Daiquiri oder Mojito (einem Drink
aus Limonensaft, weißem Rum und Minzeblättern, der sehr
erfrischend ist und bei dem man erst beim Aufstehen bemerkt, daß
Alkohol enthalten war) ließ es sich hier gut ausruhen.
Zurück zum "Teatro
Amadeo Roldan", der Festival - Tagungsstätte,
ging es am Malecon, der berühmten, kilometerlangen Uferstrasse.
Kinder badeten trotz Verbot an der felsigen Küste.
Am Abend war das Eröffnungskonzert des Festivals. Neben Solobeiträgen der Preisträger der Wettbewerbe vergangener Jahre spielte ein 100 - köpfiges! Ensemble von Kindern und Jugendlichen in perfektem Zusammenspiel und mit perfekter Auf- und Abtrittschoreographie barocke und folkloristisch - kubanische Spielmusiken. Höhepunkt der beeindruckenden Darbietung war ein rhythmisch komplexer Rap mit zwei Gesangssolisten.
13.05.
Gala "Orquestas de Guitarras" Sonantas Habaneras (Cuba) Teatro Amadeo
Roldán |
Der erste war zugleich wohl auch der wichtigste Konzerttag für das JGO. Das Programm wurde gemeinsam mit den "Sonantas Habaneras" bestritten, es fand im Teatro Amadeo Roldan statt. Der Vormittag war reserviert für Proben vor Ort.
Wegen unklarer Raumbelegung gab es spürbaren Probenstress.
Das JGO mußte mehrmals den Raum wechseln - mit sämtlichen
Instrumenten durch die Gänge ziehen, abbauen, wieder aufbauen.
Jesús Ortega hatte zum Glück den vermutlich einzigen in Havanna
vorhandenen Satz Hannabach - Kontrabaßgitarrensaiten für uns
aufgetrieben, denn uns war tags zuvor eine Saite gerissen und wir
hatten dafür keinen Ersatz dabei. In der hektischen
Betriebsamkeit der Vorbereitungen mußten dann auch noch die
Flaschen für das Stück von Marian Budos "Three Days with
the Eastern Emperor" organisiert, gefüllt und gestimmt
werden.
Die auf bestimmte Töne und Akkorde gestimmten Flaschen sind in
dieser Komposition obligat und ergeben in Kombination mit dem
Gitarrenklang als angeblasene Klänge einen sehr reizvollen und
publikumswirksamen Effekt.
Während der Proben fiel ab und zu der Strom aus, alle saßen im
Dunkeln (und spielten trotzdem weiter!). Erst nach einigen
Minuten schaltete sich das Notstromaggregat ein. Mit den "Sonantas
Habaneras" war schließlich eine gemeinsame Probe für die
Zugabennummern des Konzertes angesetzt. Diese fand 30 Minuten vor
Konzertbeginn statt! Daß nachher doch alles sehr gut klappte und
das Konzert für das Publikum zum Highlight wurde, ist der der
Tatsache zu verdanken, daß sich das JGO bereits vor der Abreise
in Deutschland sehr gut vorbereitet hatte. Und die Kubaner
spielten derart professionell, daß auch das Zusammenspiel beider
Gruppen problemlos gelang.
Im Publikum saßen Vertreter des Kubanischen Kultusministers und Leo Brouwer, der nach dem Konzert dem JGO vielmals für die Interpretation seines Stückes " Acerca del cielo..." gratulierte und sich bei Roland Boehm überschwenglich bedankte. Auch zahlreiche Festivalteilnehmer äußerten sich positiv, waren offenbar sichtlich beeindruckt.
Anschließend verbrachten wir die Nacht mit einer improvisierten Party mit "Cuba Libre" am Malecon. Stromausfall in der Stadt ließ die Hochhaussilouetten sich im Dunkel gespenstisch gegen den Nachthimmel abzeichnen. Einige kubanische Jugendliche stießen zu unserer Gruppe dazu, sie hatten Rumbarasseln dabei, begannen zu singen, Rhythmen zu klatschen und zu tanzen. Man braucht hier ganz offensichtlich keine Stereoanlage um bis in den Morgen hinein zu feiern.
14.05.
Am nächsten Tag, dem zweiten Konzerttag, gab es zunächst einige Kommunikationsproblemeaber am späten Nachmittag versammelten sich doch alle am Auftrittsort in der Basilika San Francisco in der Altstadt Havannas.
Die Basilika ist eine wunderbare Klosteranlage mit palmbewachsenen Innenhöfen und Kreuzgang. Vom "torre", dem Glockenturm, hat man einen Rundumblick über die ganze Stadt, den Hafen und das Meer. Die Basilika enthält eine Schule, ein Museum und steht für zahlreiche kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung. Geleitet wird sie von der aus Deutschland stammenden Direktorin Gertraud Ojeda, die erfreut war mit uns wieder einmal deutsch sprechen zu können.
Das Konzert lief ausgesprochen gut und konzentriert. Es wurde in einer professionellen Rundfunkaufnahme von Radio Habana aufgezeichnet. Eine Kopie dieser Aufnahme konnten wir am letzten Tag unseres Aufenthalts in den Redaktionsräumen der Radiostation (schwer bewacht von Sicherheitsleuten) abholen.
15.05.
Einer der Höhepunkte der
ganzen Reise war der Ausflug mit einem gemieteten Bus nach Piña
del Rio, dem Zentrum der Tabakverarbeitung und
Zigarrenfabrikation. Nach einer dreistündigen Fahrt durch die
tropische Landschaft erreichten wir diese Provinzstadt und
besichtigten eine der Zigarrenmanufakturen. Tatsächlich werden
die berühmten "Cohibas" komplett in Handarbeit
hergestellt.
Etwa 100 Arbeiterinnen und
Arbeiter sitzen alle an Arbeitstischen in einem großen Raum. Sie
unterhalten sich lautstark miteinander oder lauschen einem
Vorleser, der ihnen bei der monotonen Arbeit die Zeit durch
Geschichtenlesen vertreibt. Täglich werden etwa 10000 Zigarren
produziert, das sind pro Arbeiter 100 - 140 Stück. Die
Fingerfertigkeit bei der Arbeit ist erstaunlich; diverse Blätter
werden zusammengerollt, in einer Schablone gleichmäßig dick
geformt, das Hüllblatt und die Endabschlüsse aufgeklebt. Andere
sortieren die fertigen Zigarren nach Farbe, wieder andere sind für
die Qualitätskontrolle oder die Etikettierung zuständig.
Anschließend ging die Fahrt weiter nach nach Viñales einer
kleinen Stadt inmitten einer bizarr zerklüfteten, aber doch
karibisch mild wirkenden Landschaft mit Canyons, steil
aufragenden Felsen und exotischer Vegetation. Hier soll Leo Brouwer seine Inspiration zu dem
Werkzyklus der "Paisajes Cubanas" her haben. Per Zufall
erhielten wir zum Ausklang des Tages in einem unscheinbaren
Bauernhaus in einem entlegenen Dorf ein unglaubliches quasi - 5*
- Essen mit einem halben Hummer für jeden, Hühnchen, Fisch und
Reis. Hühner und Schweine liefen um die Tische, die unter freiem
Himmel rasch für uns aufgestellt wurden. 3 Frauen bereiten
innerhalb kurzer Zeit das Essen zu, der Hausherr schleppte im
Rucksack Soft Drinks und Bier aus der Nachbarschaft an und zum
Abschluss erhielten alle noch einen kubanischen Kaffee. Es war
ein regelrechtes Gelage, von dem wir erst spät abends wieder
nach Havanna zurückkehrten.
16.05.
An nächsten Tag besuchten
die meisten der Orchestermitspieler den etwa 16 km östlich der
Stadt gelegenen, palmbewachsenen Badestrand, die "Playa del
Este". Zurück in der Stadt konnten wir den amerikanischen
Ex - Präsidenten Jimmy Carter (zumindest seinen Fahrzeugkonvoi
und die Sicherheitskräfte) sehen, der gerade auf Staatsbesuch
bei Fidel Castro war.
Am Abend hörten wir das Abschlusskonzert des Festivals, ein Orchesterkonzert, bei dem der 1. Preisträger des Wettbewerbs das Gitarrenkonzert von Mario Castelnuovo Tedesco spielte. Weitere Programmpunkte waren Gitarrenkonzerte von Eduardo Falu, ein modernes Stück und eine Bearbeitung eines Paganini - Violinkonzertes. Einen überwältigenden Eindruck machte das Recitel von Pawel Steidel, ein faszinierender Musiker, der zur Zeit sicher zu den besten und inspiriertesten Gitarristen überhaupt zu zählen ist.
Preisverleihung: Juroren und Preisträger
17.05.
Ensembletreffen mit den "Sonantas Habaneras", Workshops am Vormittag:
Arnold Sesterheim stellte in einem Vortrag deutsche Zupfmusik nach 1945 (Schwaen, Wüsthoff) mit Hörbeispielen von CDs vor und berichtete über die Tradition der Zupfmusik in Deutschland. H. Oesterreich erläuterte anschließend die "Three Misunderstandings on F.S." von Wulfin Lieske, das JGO spielte das Werk satzweise nach der jeweiligen Einführung. Das Interesse an zeitgenössischer Musik für Gitarrenensemble war generell sehr groß, denn man kennt in Kuba haupsächlich das spanische und lateinamerikanische Repertoire.
Am Nachmittag war dann noch einmal ein sehr schönes Konzert im "Gran Teatro de Habana" mitten im Stadtzentrum, und zwar gemeinsam mit dem Gitarrenensemble der Stadt Holguin. Dieses kubanische Ensemble war gitarristisch exzellent, die teils noch sehr jungen Spieler konnten die rasantesten Läufe (Musik von Paco de Lucia) auch im Zusammenspiel souverän und sauber spielen. Musik bedeutet in Kuba eine beruflichen Karriere und gesellschaftliches Ansehen, daher üben auch schon sehr junge Schüler ausgesprochen sorgfältig und zielstrebig. Das Reservoire an hochtalentierten und hochmotivierten Spielern ist enorm.
Nach dem Konzert hatten wir Gelegenheit uns noch ein wenig mit Brouwer zu unterhalten, und dann begann schon eine weitere Fiesta, gemeinsam mit den "Sonantas Habaneras" und dem Ensemble aus Holguin.
18.05.
Nun galt es schon wieder Abschied zu nehmen von diesem faszinierenden Land, das zwar wenige finanzielle Ressourcen hat, in dem aber die Musik und die Lebensfreude der Menschen überall spürbar ist. Der Tag war noch ausgefüllt mit einem letzten Rundgang durch die Altstadt, der diesmal auch die Besichtigung der Kathedrale beinhaltete, die Augustin Barrios zu seinem berühmten Stück inspiriert hatte. Am Abend wir schließlich zum Flugplatz und nach einer umständlichen und langwierigen Prozedur des Eincheckens holten wir während des Rückflugs unser Schlafdefizit auf.
Was neben den phantastischen Erlebnissen, den musikalischen Erfahrungen, dem Kennenlernen eines ganz anderen Kulturkreises vor allem blieb ist: wir konnten zahlreiche neue Freunde gewinnen und bereits bestehende Kontakte auffrischen und vertiefen. Am Schluß war es daher auch der Wunsch aller, es möge nicht das letzte Mal gewesen sein, daß man sich trifft und gemeinsam musiziert.
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