"I was extremely impressed with the group's  energy, dedication
and focus.  The JGO and Helmut did an amazing job of learning, shaping  and
premiering a difficult new work.  Not only did they play it well .....they
put everything they had  into it.  It Rocks!
" (Zitat: Terry Riley)

Luzide Improvisationen

Unfassbar:
Eine Welturaufführung durch Terry Riley
im Kloster Bronnbach


Das hohe Wort sei an dieser Stelle aus gegebenem Anlass einmal erlaubt: Im
Kloster Bronnbach ereignete sich am Sonntagabend Sensationelles. Terry Riley,
den die London Sunday Times jüngst als einen der  "1000 wichtigsten Männer
für die Entwicklung des 20. Jahrhunderts" genannt hat, gab eine
Welturaufführung. Terry Riley gilt als Wegbereiter der "Minimal Music", der
bedeutendsten zeitgenössischen Stilrichtung der "modernen Klassik" im 20.
Jahrhundert. Zusammen mit Steve Reich, Philip Glass und La Monte Young
entwickelte Riley in den sechziger Jahren ein Kompositions-verfahren, das auf
der variativen Wiederholung kurzer und einfacher musikalischer Struktur- und
Formteile beruht.

Einfluss durch indische Musik

Einfluss auf diese - die zweite Hälfte des musikalischen 20. Jahrhunderts
weithin beherrschende - Stilrichtung nahmen vor allem Erik Satie, der
amerikanische Jazz und die orientalische, vor allem indische Musik. Die
Uraufführung von Rileys Stück "in C", die 1964 im San Francisco Tape Music
Center mit Musikern wie Steve Reich und Pauline Oliveros stattfand, geriet
unabsichtlich zum Manifest einer Musikart, die - bald als "Minimal Music"
bezeichnet - von Kalifornien und New York aus weltweit in Avantgarde, Jazz
und Popmusik Wirkung zeigte. Riley nannte "in C" ein "Forschungsstück der
repetetiven Musik", von dem er nicht wusste, wie es klingen würde, als er es
schrieb. Terry Riley gilt heute neben Michael Nyman, Karlheinz Stockhausen,
Hans Werner Henze und den bereits genannten Reich und Glass als weltweit
bedeutendster Komponist der "modernen Klassik" in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts.

Soweit an dieser Stelle die - mag sein - im Grunde überflüssige
musikhistorische Würdigung von Terry Riley. Und damit nun zum Jetzt, zum
Heute, zur Welturaufführung seiner Komposition "Y Bolanzero" im Wertheimer
Kloster Bronnbach. Wie Riley dorthin kam, war am Sonntag wenigen klar. Die
Veranstalter,  die Rileys Auftritt ausgesprochen vornehm beworben hatten,
offenbar einge-schlossen. Detlef Hartmann, Kulturmanager der Stadt Wertheim,
teilte lediglich mit, dass Riley zur Weltpremiere eigens aus San Francisco
hätte anreisen wollen.

Kompositionen von Reich

Der Abend: Es ist genau 19:09 Uhr, als der Dirigent des dreißigköpfigen
Jugendgitarrenorchesters (JGO), Helmut Oesterreich, die Welturaufführung von "Y
Bolanzero" für großes Gitarrenorchester im Kloster ankündigt. Der
musikalische Abend ist zu dieser Zeit bereits sechzig Minuten alt und brachte
Kompositionen von Leo Brouwer, Richard Charlton und Steve Reich. Aus dem
Hintergrund des Bernhardssaals erhebt sich gemächlich ein kleiner Mann mit
langem schlohweißen Bart. Er trägt ein groß kariertes Baumfällerhemd. Der
Mann schlendert zu seinem Piano, hockt sich gemütlich hin und setzt sein
warmes Dalai-Lama-Lächeln auf.

Zwei Minuten später geht es los. Terry Riley setzt an zu einer luziden
Piano-Improvisation, in die nach kurzer Zeit die dreißig Gitarren, darunter
die von David Tanenbaum und Gyan Riley, mit mono-manischem  Rhythmus,
zunächst retardiert, dann zunehmend dynamisierend einfallen. Rileys
Komposition vollführt fast durchweg eine stets wiederkehrende Taktfolge, und
wechselt erst am Schluss in einer Art Stretta in eine andere Taktart.
Sämtliches Tonmaterial, sowohl die orientalisch anmutenden Melodien als auch
die schwebende, sich offenbar nicht auf ein bestimmtes Zentrum festlegen
wollende Harmonik, sind von einer einzigen Tonskala abgeleitet.

Riley zelebriert geradezu seine musikalischen Einfälle: Imitatorisch
verarbeitete Motive, rhythmische Überlagerungen, repetetive Patterns,
improvisatorisch erscheinende virtuose Passagen, mixturartige
Dreiklangmelodien, und die vom Solisten frei zu improvisierenden Abschnitte
werden durch ein immer wiederkehrendes Thema in latent rondoähnlicher Manier
zusammengehalten. Die Verwendung von elektrisch verstärkten Bassgitarren und
die unterlegten, teilweise minimalistisch im Taktgefüge und zueinander
verschobenen rhythmischen Begleitpatterns führen deutliche Elemente der
Rockmusik in das Werk ein.

Das Stück "Y Bolanzero" für großes Gitarrenorchester ist der zuletzt
entstandene Teil des "Book of Abbeyozzud", eines von Riley groß angelegten
Zyklus´von Stücken für und mit klassischer Gitarre, der Solostücke, Duos und
verschiedene kammermusikalische Besetzungen beinhaltet. Alle
Einzelkompositionen dieses Zyklus haben spanische Titel - zum Teil
Fantasiewörter - und beginnen jeweils mit einem anderen Buchstaben des
Alphabets. Riley wurde angeregt, für das InstrumentGitarre zu komponieren,
nachdem er seinen Sohn hatte spielen hören.

Werk wurde auf CD aufgenommen

Gyan Riley, ebenfalls hochkarätigerGitarrist und am  Sonntagabend im Kloster
Bronnbach auch anwesend,  studierte beim amerikanischen Gitarrenvirtuosen
David Tanenbaum - und so entstand  eine Zusammenarbeit zwischen
KomponistRiley und Interpret Tanenbaum. Ebenfalls auf Anregung von David
Tanenbaum, der bereits wiederholt vom JGO begleitetwurde, fußt das Vorhaben,
das Werk mit diesem Orchester auf CD aufzunehmen. Dies geschah am
Sonntagabend kurz vor der Welturaufführung von "Y Bolanzero". Ebenfalls im
Kloster Bronnbach.

Zurück zum Jetzt. 19:30 Uhr: Terry Riley, David Tanenbaum, Gyan Riley und die
beiden Dirigenten des JGO, Helmut Oesterreich und Roland Boehm, liegen sich
in den Armen. Eine Viertelstunde später, nach Chick Coreas "Spain" stimmen
die dreißig Gitarrenkünstler eine etwas konventionellere Komposition an:
"Happy Birthday to You." Terry Riley hatte am Sonntag Geburtstag.
Sechsundsechzig Jahre

Main Echo 26. Juni. 01 Olaf Przybilla

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