Leo Brouwer dirigiert das JGO

Workshop und Konzert in Baden - Baden (August 1998)

Als jüngsten und wohl bemerkenswertesten Höhepunkt in der Reihe seiner Aktivitäten hatte das JGO in der Woche vom 10. bis 15. August 1998 die einmalige Gelegenheit, mit einem der ganz großen der Gitarrenszene zu arbeiten und zu musizieren, nämlich mit Leo Brouwer. Es ist der langfristigen und sorgfältigen organisatorischen Vorarbeit des künstlerischen Leiters Arnold Sesterheim und der großzügigen finanziellen Unterstützung des BDZ - Landesverbands Baden - Württemberg zuzuschreiben, daß dieses Projekt tatsächlich durchgeführt werden konnte. Stattfinden konnten Proben, Rundfunk - und TV - Aufnahmen und das Konzert im ,,Weinbrenner-Saal" des Kurhauses Baden-Baden, der uns fast die ganze Woche zur Verfügung stand. Die außerordentliche Attraktivität dieses Projekts hatte dazu geführt, daß das Ensemble von der ursprünglichen Stamm - Spielerzahl von 25 - 30 nun auf 50! anwuchs.

 

Das Repertoire:

G. F. Händel Feuerwerksmusik
J.S.Bach Allegro aus dem 3. Brandenburgischen Konzert
John Dowland Drei Lieder Michael Meier: baritone
Georges Bizet Minuetto (aus der ,,Arlesienne"-Suite)
Leo Brouwer Acerca del cielo, el aire y la sonrisa
Leo Brouwer Danza Nr I (aus: "Tres Danzas Concertantes") David Dominguez: guitar
Vaclav Kucera Invocation for Joy (komp. für das JGO)
Peter Michael Braun Alambic
Roland Boehm (T)raumklänge (komp. für das JGO) Due Boemi: bassclarinet & piano

 

Roland Boehm (Komponist der "Traumklänge"), Josef Horák, Leo Brouwer, Emma Kovárnová

 

Ein ganz besonders Erlebnis war es natürlich, zwei Kompositionen Brouwers unter seiner Leitung einzustudieren. Eine Sonderstellung im Repertoire nahm das Werk von Peter Michael Braun, ,,Alambic" ein, bei dem die ,,Noten" nur aus einer Reihe von Zeichnungen bestehen, die auf verschiedenste Weise interpretiert werden können. ,,(T)raumklänge" von Roland Boehm, einem der Stammdirigenten des Orchesters, war speziell für das Orchester und die ,,Due Boemi di Praga" (Prof Emma Kovárnova, Klavier und Prof Josef Horák, Baßklarinette) geschrieben worden. Auch Vaclav Kuceras ,,Invocation for joy" ist dem Orchester, das er 1997 in Prag gehört hatte, gewidmet. Nach einer zweitägigen Vorbereitung ging es dann los: Pünktlich zur verabredeten Zeit stand Brouwer in der Tür des Probenraumes. Nach einer kurzen Begrüßung erfolgte ein fliegender Wechsel am Dirigentenpult und er war sofort mitten in der Materie. Rasch erwies er sich als ein ausgesprochen inspirierender, temperamentvoller und fachkundiger Gastdirigent, der das Orchester enorm forderte. In den wenigen Tagen gelang es ihm, die jugendlichen Gitarristen zu einem erstaunlichen Leistungsschub anzuregen. Er behandelte die Spieler wie Profis, manchmal beinahe kollegial. Artikulation und Dynamik waren von der ersten Minute an Schwerpunkte seiner interpretatorischen Vorstellungen.

Als Ergebnis einer enorm konzentrierten Arbeitswoche standen dann Rundfunk- und Fernsehaufhahmen mit dem SWR an. Vom Rundfunk wurden die Stücke aufgezeichnet, in denen Solisten mitwirkten (Dowland, Brouwer: Danza I, (T)raumklänge) sowie Acerca del cielo. Das Fernsehen brachte ein Porträt Brouwers mit Interview und Ausschnitten aus der Probenarbeit.

Das Abschlußkonzert am Samstag war dann schließlich der Höhepunkt dieser faszinierenden Woche. Brouwer führte das Orchester mit suggestivem Dirigat durch sämtliche Klippen des Programms. Das eindringlichste und herausragendste Stück war Roland Boehms ,,(T)raumklänge" mit den Solisten Josef Horák, Emma Kovárnová und dem Orchestermitglied Torsten Koker. Horák gilt als der ,,Segovia" der solistischen Baßklarinette. Der sinnlich warme Klang der Baßklarinette und das brilliante Klavier mischten sich hervorragend mit den Gitarren. Facettenreich, voller Überraschungen, einmal an Popularmusik erinnernd, dann wieder atonal oder aleatorisch, impulsiv virtuos und dann wieder lyrisch - gesanglich, wirkte das Stück dennoch wie aus einem Guß.

Nach dem Konzert wurde bis spät in die Nacht gefeiert, wobei reichlich Gelegenheit war, sich mit dem unter keinerlei Starallüren leidenden Maestro ausgiebig zu unterhalten. Schon in den Tagen zuvor, in den Probenpausen oder abends bei einem Bier in einem von Baden - Badens zahlreichen Lokalen, konnten wir ihn auch als einen unkomplizierten, humorvollen und sehr sehr herzlichen Menschen kennenlernen, der immer Zeit für Fragen und Anliegen hatte, und der natürlich auch gern einige der zahlreichen Anekdoten aus seinem abwechslungsreichen Musikerleben zum besten gab. Alles in allem ein für alle Beteiligten, nicht zuletzt wohl auch für Leo Brouwer selbst, ein gelungenes, unvergleichliches Erlebnis, das möglicherweise Perspektiven für zukünftige Projekte eingeleitet hat. Brouwer selbst stellte in Aussicht in Zukunft durchaus wieder einmal mit dem JGO zusammenzuarbeiten. Auch schlug er vor, Kontakt zu einem kubanischen Gitarrenensemble aufzunehmen, um sich kennenzulernen, voneinander zu lernen.

 

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