Dienstag, 26. Oktober 2004 – Tübinger Nachrichten
Vielstimmiger Saitenklang unterm Kirchendach
Das Jugendgitarrenorchester Baden‑Württemberg und das Gitarrenduo "Z.o.o." gestalteten eine sonntägliche Matinee in der Kreuzkirche
Auf Einladung des Nürtinger Gitarrenkreises zu einer Matinee gastierte am Sonntag das Jugendgitarrenorchester Baden-Württemberg in der Kreuzkirche. Gemeinsam mit dem niederländisch-australischen Gitarrenduo „ Z.o.o.“ präsentierte das Orchester ein Programm zwischen Barock und Moderne. In der Leitung wechselten sich Mandy Bahle und Helmut Oesterreich ab.
Nach ausgedehnten Tourneen durch Südamerika, China, Korea und die Niederlande zelebrierte das aus rund 30 Spielern und Spielerinnen bestehende Jugendgitarrenorchester (JGO) den Abschluss einer höchst erfolgreichen Saison in der zu einer der Hochburgen europäischer Gitarristik avancierten Neckarstadt. Dazu hatten die jungen Gitarristen, allesamt Preisträger der Wettbewerbe „Jugend musiziert“ ein Programm zusammengestellt, das aus Werken von Henry Purcell bis Leo Brouwer bestand. Einen solchen, drei Jahrhunderte überspannenden Bogen wollten sich an einem sonnenstrahlenden Sonntagvormittag mehr als hundert Musikenthusiasten nicht entgehen lassen.
Als Dirigent übernahm zunächst Helmut Oesterreich die Orchesterleitung für ein Prelude und die darauf folgende Fantasia des britischen Barockkomponisten Henry Purcell sowie ein, Oesterreichs Ankündigungen zufolge, „mit minimalistischen Elementen auf ganz individuelle Art“ angelegtes Stück von Jorge Liderman, das unter dem Titel Open Strings zwei Mouvements umfasste. Zu der Teyatá nahmen unter erwartungsvollem Beifall des Publikums Marion Schaap unfd Peter Constant auf der Bühne Platz. Peter Wingfields ebenfalls minimalistisch angelegte Komposition war von der Art, die man von Philip Glass’ Filmmusik zu Koyaaniskatsi kennt, die man dank der packenden Interpretation der Künstler auf Nürtingens feinster Bühne auch wirklich hätte endlos weiterverfolgen können.
Mit seinen Bachianas Brasileiras hat Heitor Villa – Lobos dem von ihm sehr bewunderten Johann Sebastian Bach seine Reverenz erwiesen. Aus diesem vielteiligen Werk hatte Mandy Bahle für das sonntägliche Konzert in Nürtingen eine Aria ausgewählt und führte ihr Orchester sehr zur Freude des Publikums damit zu einer höchst ansprechenden Leistung. Zum Höhepunkt des Konzerts, einer Rhapsodie mit den Sätzen Allegro – Nocturne – und Finale kehrte dann das Zoo – Duo noch einmal auf die Bühne zurück und konfrontierte so das Publikum zusätzlich zu der geballten Klangfülle des Orchesters mit ihrer einfühlsamen und filigranen Interpretation der Solostimmen. Beeindruckend wirkte nicht zuletzt die Souveränität der jungen Orchesterleiterin Mandy Bahle, die dem vollen, runden klang des vielstimmigen Klangkörpers ein schillerndes Finish verpasste.
Formale Disziplin und das überschäumende Temperament des Kubaners trafen in Leo Brouwers Danza Characteristica aufeinander, die geprägt von der hoch rhythmisierten Musik der karibischen Inseln Soundelemente des Dschungels amerikanischer Großstädte mit einschloss. Ein voranpreschendes Solo auf der E- Gitarre und die treibenden Grooves eines E-Basses gaben dem Stück , zu dessen Aufführung wieder Helmut Oesterreich den Dirigentenstab ergriffen hatte, einen stilübergereifenden Charme. Begeistert von den Darbietungen verlangte das Publikum energisch nach mehr, das JGO kam dem mit einem der wohl populärsten Stücke der Gitarrenliteratur, dem Danza del Molinero von Manuel de Falla nach.