Das Jugendgitarrenorchester in Rußland

Tagebuch einer außergewöhnlichen Konzertreise

10. Februar 1994 Jugendherberge Tübingen

Am frühen Nachmittag finden sich die Orchestermitglieder ein, um in einer Intensivprobe mit ihren Dirigenten Dr. Eberhard Wilhelm und Helmut Oesterreich das während einer vier Wochen zurückliegenden Arbeitsphase einstudierte Repertoire aufzufrischen. Es umfaßt Werke von Erasmus Widmann, J.S. Bach, Isaac Albéniz, Manuel de Falla, Leo Brouwer, Steve Reich, Werner Heider u.a.

  • 11. Februar 1994
  • Abfahrt um 6.15 Uhr, ohne Frühstück, zum Flughafen Stuttgart, und da passiert die einzige Panne: Der Bus springt nicht an, muß von uns angeschoben werden. Dann aber klappt alles wie am Schnürchen: Ankunft am Flughafen, Einchecken (im Reisegepäck befindet sich eine 60kg schwere Luftfrachtkiste mit elektronischem Equipment), Abflug, Zwischenlandung in Berlin und dann: Ankunft in St. Petersburg bei -27 Grad um 15 Uhr nachmittags. Wir werden von der herrlich spontanen und improvisationsbegabten Reisebetreuerin Frau Prof. Drosdowa (man kann auch einfach Henrietta sagen) bereits erwartet. Henrietta, die dem äußeren Anschein nach eher Herrscherin über ein Kaffeekränzchen sein könnte, stellt sich als resolut-temperamentvolle und sehr gebildete Lebenskünstlerin heraus, die offenbar alle wichtigen Leute in St. Petersburg kennt, angefangen bei den Zollbeamten über Musiker und weitere Künstler bis hin zu Rundfunk-, Museums- und Theaterdirektoren.

    Mit dem für den gesamten Aufenthalt gecharterten Bus (unser TÜV hätte ihn wohl gleich beschlagnahmt) fahren wir in die Innenstadt. In einem schulähnlichen Gebäude, dem Jugendkulturzentrum, begegnen wir den Mitgliedern eines Kinderchores und deren Leiterin Ludmilla.

    Die Familien dieser Kinder nehmen uns Gitarristen bei sich zu Hause als Gastfamilien auf. Bevor man sich dorthin begibt, wird aber erst noch einmal konzentriert geprobt; in der Pause wird uns Tee aus einem riesigen Samowar gereicht.

  • 12. Februar 1994
  • Treffen am Jugendhaus und Fahrt zur "Eremitage", die eines der bedeutendsten Museen der Welt beherbergt. Wir besichtigen unter der englischsprachigen Führung von Henriettas Schwester Ina vor allem die Maler des 20. Jahrhunderts: Picasso, Leger, Kandinski - aber auch die Bilder von da Vinci, Rubens und Breughel. Besonders eindrucksvoll auch die Impressionisten Manet, van Gogh und Pissarro

    Übrigens begleitet uns Ina nun ständig und erläutert auf ihre liebenswürdige Art die jeweiligen Sehenswürdigkeiten, mit dem Ergebnis, daß am Ende der Reise wirklich jeder von uns den Namen des ,,very famous architect Rastrelli" kennt, der zahlreiche Paläste in St. Petersburg gebaut hat

    Am Nachmittag findet in einer Kirche das erste Konzert statt, das bei dem aufmerksamen Publikum auf sehr gute Resonanz stößt. Das Orchester spielt trotz der auch im Innenraum spürbar kalten Temperaturen sehr engagiert. Für die Russen ist die Ansammlung so vieler Gitarristen offenbar etwas völlig Neues und Exotisches! Anschließend begibt man sich in seine Gastfamilien, die Dirigenten sind bei der Chorleiterin Ludmilla zu einem üppigen Abendessen mit mehreren Gängen, Sekt, Wodka und Tee eingeladen.

  • 13. bis 15. Februar 1994
  • Besuche der zaristischen Sommerresidenz ,,Peterhof". Nach der Führung durch die außerordentlich prunkvollen Innenräume spazieren wir durch den Park und auf dem Eis des zugefrorenen Finnischen Meerbusens; es ist äußerst kalt und windig. Abends konnte alternativ eine Ballettaufführung des Opemstudios oder des Kirov-Balletts besucht werden, für das es allerdings nur wenige Karten gab. Wer eine bekam, erlebte eine fantastisch eindrucksvolle Aufführung von Tschaikowskis ,,Schwanensee".

    Am nächsten Tag, nach einer Besichtigungsfahrt zum Puschkin-Palast, wird wieder ausgiebig geprobt.

    Das nächste Konzert findet am darauffolgenden Vormittag in der Aula einer Schule statt. Sicher lag es nicht nur an der räumlichen Enge, daß ein besonders intensiver Kontakt zu dem jugendlichen Publikum zustandekam. Es gab regelrechte Ovationen, und nach der letzten Zugabe endete das Konzert schließlich im spontanen gemeinsamen Singen russischer Lieder in fröhlichausgelassener Stimmung.

    Nachmittags dann eine Stadtrundfahrt mit dem Bus, und unser Fahrer Wladimir, ein Mann mit dicker Pelzmütze, war genau das, was man sich so unter einem gestandenen Russen vorstellt.

    Anschließend gibt es im Jugendhaus eine Abschiedsfeier der Gastfamilienkinder; am nächsten Tag soll es nach Nowgorod weitergehen. Wir hören eine überwältigend gute Darbietung des Kinderchores, das Niveau ist absolut professionell, ohne daß der Eindruck von Drill auch nur entfernt zu spüren wäre.

    Ein Wort zu den Gastfamilien: Trotz der mehr oder weniger vorhandenen Sprachbarrieren begegneten uns die Leute mit einer überschwenglichen Herzlichkeit und Gastfreundschaft.

    Die materielle Not war für uns überall nicht zu übersehen, dennoch waren alle sehr bemüht, uns mit besonderer Gastlichkeit zu verwöhnen: Ehebetten wurden geräumt, Süßigkeiten, Fleisch und Südfrüchte aufgetischt, die Leute begleiteten uns überall hin bei selbständigen Unternehmungen, und ich selbst muß die russischen Freundschaftsbeweise mit einer besonderen Standfestigkeit im Wodkatrinken überstehen.

    Rasch bekommen wir engen Kontakt, was dann auch ernsthafte Gesprächsthemen wie die aktuelle politische Lage, Wirtschaft, Demokratie, Kommunismus, Tschernobyl usw. aufkommen läßt.

    Neben den Konzerten, der musikalischen Erfahrung, den Sehenswürdigkeiten dürfte dieser freundschaftliche zwischenmenschliche Kontakt sicher zu den wertvollsten Erlebnissen zählen, die wir von dieser Reise mit nach Hause nehmen konnten. Entsprechend emotionsgeladen war dann auch der Abschied von den so rasch liebgewonnenen Menschen.

  • 16. Februar 1994
  • Fahrt in die 200 km entfernte altrussische Stadt Nowgorod, die ehemals der Hanse angehörte und in der Geschichte Rußlands eine bedeutende Rolle seit dem Mittelalter spielte. Ein historischer Stadtkern mit Kremlmauer und Kuppelkirche erinnert an einstige Bedeutung und Reichtum.

    Hier haben wir unser ,,wichtigstes" Konzert (falls es so etwas für Musiker überhaupt gibt!) in einem wunderschönen großen Saal der hiesigen Philharmonie. Es ist ein Konzert innerhalb des Nowgoroder Winter-Musikfestivals und es wird von regem öffentlichem Interesse begleitet. Der lokale Rundfunk bringt eine Live-Reportage von unserer Probenarbeit; in der Konzertpause sind Fernseh- und Presseinterviews angesagt. Eine professionelle Ansagerin kommentiert unser Programm

    Auch hier wieder ist das Publikum begeistert! Bravorufe, spontan auf die Bühne gereichte Blumen und nicht endenwollender Applaus, der uns zu vier Zugaben klatschte, mag einen Eindruck davon geben. Ganz besonders schienen die jazzigen Programmpunkte (All of me, Joshua fought the battle of Jerico) und die avantgardistischen Werke von Leo Brouwer (Cuban Landscape with ram) und Werner Heider (,,Edition") sowie von Steve Reich (Electric Counterpoint) zu gefallen.

  • 17. Februar 1994
  • Der letzte Tag des Aufenthaltes ist einer ausgiebigen Altstadt-Besichtigung und der äußerst komplizierten Suche nach Briefmarken vorbehalten. Für den Abend hat Henrietta ein Essen in einem historischen Restaurant organisiert; es gibt Getränke und Speisen nach alten russischen Rezepten.

    Auf dem Weg dorthin konnten wir Leute beobachten, die im Fluß in ins Eis geschlagenen Löchern badeten: dem wollte sich allerdings von uns niemand anschließen!

    Rückfahrt nach St. Petersburg und Rückflug nach Stuttgart. Alle sind, müde zwar, aber wohlbehalten und angeregt von den vielen Erlebnissen, wieder zurück.

    Fazit: Die acht Tage in Rußland waren in musikalischer, kultureller und zwischenmenschlicher Hinsicht ein voller Erfolg. Wir haben viel gesehen und erlebt, Freundschaften über den Tag hinaus geknüpft und sind als Orchester ein weiteres Stück näher gerückt.

     


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