CD >Y Bolanzero<,
Terry Riley, David Tanenbaum, Michael Sagmeister, JGO Baden-Württemberg,
Leitung Helmut Oesterreich und Roland Boehm,
Cadenza CAD 800879.
Das
JGO Baden-Württemberg hat sich in den letzten Jahren
in beständiger Arbeit den Spitzenplatz in dieser Besetzung
erobert: Hier stimmt für den Betrachter alles, von den Spielern
zu den Leitern bis zur Organisation. Fast nicht glaubhafte
Highlights krönen die Aktivitäten des Orchesters wie zuletzt
Konzerte in der Alten Oper Frankfurt mit David Tanenbaum oder die
Arbeit mit Leo Brouwer höchstpersönlich. Die treibende und überzeugende
Kraft im Hinblick auf Neue Musik kommt sicherlich von Helmut
Oesterreich, der sich diesem Zweig des Musizierens schon seit
Jahrzehnten am meisten verpflichtet fühlt. Dazu zählt auch der
Mut, neue Wege zu gehen und nach Möglichkeit neue Maßstäbe zu
setzen. Genau dies gelang im vergangenen Jahr wieder und wurde
auf dieser Einspielung live festgehalten.
Terry Riley, einer der Väter der Minimal Music,
wirkte persönlich bei seinem eigenen Werk »Y
Bolanzero « am Klavier mit, sein Sohn Gyan spielt
Gitarrenimprovisationen und den SoloGitarrenpart übernimmt
David Tanenbaum. Was für eine denkwürdige Besetzung für ein
Laienorchester...! Der 1935 geborene Riley schrieb das
Werk 2001 für das JGO und erreicht hier die höchste
Stufe des Authentischen durch die eigene Mitwirkung.
Minimalmusic, Elemente aus Rock und Jazz, aus Raga und Folklore
tragen zu einer spannenden Darstellung dieser Musik bei.
Ein weiteres Highlight stellt das Kult-Opus «Electric
Counterpoint « von Steve Reich
dar, freilich hier nicht mit Solist und Tonband, sondern erstmals
live mit Solist und Orchester Aus diesem Grund wurde das Werk
folgerichtig umbenannt in »Acoustic Counterpoint «. Auch
hier spielt David Tanenbaum den Solopart, der einst Pat Metheny
oblag.
Minimalmusic, Verschmelzungen und Fusionen einer aktuellen
musikalischen Weltsprache sehen wir Gitarristen an erster Stelle
bei Leo Brouwer Sein zweisätziges Werk »Nahe
dem Himmel; Luft und Lächeln« bezieht sich zum
einen auf Kuba und seine erste Ehefrau, zum anderen auf das
Festival in Esztergom, wo er durch die Fülle der Gitarristen und
den Hall der Kathedrale inspiriert wurde. Wir hören ein
typisches Brouwer - Stück, nicht ganz ohne auf gewisse Effekte
zu verzichten, die man bereits von den kubanischen Landschaften
oder anderen lautmalerischen Werken her kennt. Danach hätte sich
Siegfried Behrend sicher bestätigt gesehen und gefreut;
» Rosewood for 100 guitars « wurde
als Nacht der hundert Gitarren in der Alten Oper Frankfurt aufgeführt.
Gitarristen des JGO, des Dr-Hoch's-Konservatoriums und
mehrerer Musikschulen sorgten für die Realisierung einer
Raummusik, die sieben Gruppen über den ganzen Saal verteilte und
die Gitarristen kratzen und schaben, klopfen und schlagen,
spielen und schweigen ließ: das Ganze als Botschaft der
Naturzerstörung (Regenwald, Riopalisander als Bezug) mag sein
Ziel sicher nicht erreichen, aber zumindest für ein
beeindruckendes Klangereignis sorgen.
Was gibt es sonst noch auf dieser einmaligen CD? Der bedeutendste
deutsche Jazzgitarrist wurde von Helmut
Oesterreich eingeladen, »Spain« von Chick
Corea zu spielen. Hier verbinden sich iberoamerikanische
Elemente mit dem Jazz und etwas Rodrigo (was wohl?). Michael
Sagmeister braucht hier nicht weiter kommentiert zu werden: hören
und genießen...! Helmut Oesterreich, hier Wanderer zwischen den
Welten, ist mit dieser CD mehr als ein großer Wurf gelungen: er
hat eine wertvolle Dokumentation geleistet, die absoluten Maßstab
setzt und an Lebendigkeit durch Livemitschnitt nicht zu überbieten
ist. Auch die Studenten der Frankfurter Musikhochschule können
durch das Engagement auf dieser Ebene nur gewinnen: Helmut
Oesterreich prägt wie kein anderer durch seine Arbeit im
methodischen Bereich die Oualität dieses Instituts seit gut 15
Jahren! (thb, Zupfmusik 1/2003)